Baubericht: Flugboot "Pelican II"
von Johann Prachinger, Juni 2014   zurück zur Übersicht
Bauplanquelle: RC-Groups Fertigungsgrad: Selbstbau
Pelican  - das Freiflugmodell Enten fühlen sich am Wasser wohl und sind ganz passable Flieger. Warum hat dann noch niemand eine Enten-Flugboot gebaut?

Das wollte ich schon immer herausfinden - und somit war auch gleich das Thema für mein Haupt-Winterprojekt 2013/2014 vorgegeben.

Meine durchwegs positiven Erfahrungen mit dem "Kormoran", einem Elektrosegler in Entenkonfiguration von Robbe, machten mir Mut für dieses Projekt.
Als Basis für meine Flugenten-Kreation suchte ich mir einen alten Bauplan für ein Freiflug Canard-Flugboot (siehe Bild 1) des australischen Konstrukteurs Jim Fullarton aus.

Viel mehr als die Grundidee blieb allerdings davon nicht übrig - daher auch der neue Modellname "Pelican II". Um den heutigen Stand der Technik nutzen zu können, war Optimierungsarbeit im großen Stil angesagt.

Eine Vergrößerung des Plans von 44" (111,8 cm) auf eine Modellspannweite von ca 144 cm war dabei mein erster Schritt.
Bauplan Pelican
Pelican II - Foto 03 Das Konzept des zentralen Pusher-Antriebs wollte ich - allein schon der "unzumutbaren Akustik" wegen - nicht übernehmen: Zwei Motorgondeln mit konventionellen Zugpropellern in den Tragflächen würden sowohl beim Einstellen des Modellschwerpunkts (so dachte ich zumindest) als auch beim Manövrieren auf dem Wasser nicht zu unterschätzende Vorteile bedeuten.

Auch das etwas altbackene Design des Canard-Flügels mit der total übertriebenen V-Form mußte modernen Konturen (siehe Foto) Platz machen.
Außer Quer- und Höhenruder sollten auch die an den Tragflügelenden sitzenden Seitenruder angesteuert werden. Hier war ebenfalls am Design nachzubessern - die Planvorgabe erinnerte einfach zu stark an Elefantenohren.

Seit dem Bau der Puddle Twin II XL (2007) ist übrigens Depron mein bevorzugtes Baumaterial für Wasserflugzeuge.

An "neuralgischen Stellen" gibt es Verstärkungen aus CFK, Kiefer oder Sperrholz - schließlich soll das kostbare Stück von kräftigen Brushless-Motoren angetrieben werden und nicht gleich beim ersten Flug auseinanderbrechen.
Pelican II - Foto 04
Pelican II - Foto 05 Vor Baubeginn druckte ich den vergrößerten Bauplan aus und zeichnete die von mir geplanten Änderungen/Ergänzungen mit Lineal und Bleistift händisch ein.

Das Rumpfboot baute ich aus 6 mm Depron, die Depron-Rumpfspanten im Bereich der Tagflügelauflage wurden mit 0,4 mm Sperrholz verstärkt und zwei durchgehende seitliche Holme aus 3x3 mm Kiefer sorgen für zusätzliche Stabilität.
Zwischen den beiden Beplankungen des Höhenleitwerks aus 3 mm Depron sorgen ein Hauptholm aus 8 mm CFK-Rohr und Rippen aus Balsa für Form und Stabilität.

Auch die stark gepfeilten Tragflächen wurden nach diesem Prinzip aufgebaut, die Holme bestehen hier aber aus 3x5 mm Kiefer. Das Mittelstück erhielt zusätzliche Verstärkungen, um die Tragfläche mittels zwei Buchendübel und einer M5 Nylonschraube verläßlich mit dem Rumpf verbinden zu können.

Die beiden Außenflügel setzte ich mit je 3 Grad V-Form und 17 Grad Pfeilung an das Mittelteil an.
Pelican II - Foto 06
Pelican II - Foto 07 Das Höhenleitwerk beim ersten "Probesitzen" auf der Rumpfspitze.

Das Hohlprofil aus dem alten Plan überlasse ich lieber den Freifliegern - ich entschied mich für ein Normalprofil a la Clark-Y.

Die Canard-Befestigung erfolgt über zwei M3 Nylonschrauben - das Flugboot soll ja zum Transport in möglichst handliche Teile zerlegt werden.
Als Triebwerke wählte ich 2 Brushless-Motoren vom Typ Joker 2826-15 / 1200 kV der 44g Klasse.

Die Rolle des Energielieferanten für beide Antriebe übernimmt je ein dreizelliges Lipo-Pack mit einer Kapazität von 2200 mAh.

Ursprünglich war nur ein solches Akkupack vorgesehen, aber in der Rumpfspitze fehlte noch "Ballast" für die korrekte Schwerpunktlage...

Wie bei allen meinen mehrmotorigen Flugmodellen kommt auch hier die vielfach bewährte differenzierte Motordrehzahlsteuerung zum Einsatz.
Pelican II - Foto 08
Pelican II - Foto 09 Im geräumigen Rumpf sitzt nur das Höhenleitwerks-Servo, im Tragflügel mußten dagegen 4 Servos untergebracht werden, je 2 für Quer und Seite.

Außerdem wurde ein HK-Beleuchtungs-Set verbaut, um funktionsfähige Positionsleuchten, Landescheinwerfer und Beacons zu realisieren.
Um die beim Aufrüsten des Modells herzustellenden Kabelverbindungen zu reduzieren fasste ich die Antriebsleitungen zu einem 6-poligen und die Servo- und Beleuchtungskabel zu einem 8-poligen Zentralstecker zusammen.

Aus Transportgründen war es auch nötig, die Seitenleitwerke inklusive Stützschwimmer demontierbar zu machen.

Gesichert wird mit einer M3-Kunststoffschraube und zwei kleinen Dübeln aus Buchenholz.
Pelican II - Foto 10
Pelican II - Foto 11 Um die Schwimmerstufe scharfkantig zu halten wurde eine Verstärkung aus 10 mm breiten 0,4 mm Sperrholzstreifen eingearbeitet.

Die Unterkanten des vorderen Rumpfboots erhielten "Spray-Rails" vom Bug bis zur Stufe um die Propeller möglichst gut vor Spritzwasser zu schützen.
Die großzügig bemessene Kabinenhaube erhielt eine blau getönte Verglasung, ist abnehmbar und ermöglicht so einen schnellen, unkomplizierten Akkutausch.

Die Befestigung am Rumpf erfolgt vorne durch eine Depron-Nase und hinten durch einen handelsüblichen Kabinenhaubenverschluß.
Pelican II - Foto 12
Pelican II - Foto 13 Die Oberflächen von Höhenleitwerk und Tragflügel wurden nach dem Feinschliff mit drei Schichten Parkettlack versiegelt.

Abschließend brachte ich noch eine Safe-Coat Beschichtung auf, das Farb-Dekor wurde aus Orastick-Klebefolie geschnitten.

Kennung, Modellname und Flaggen für die Seitenleitwerke entstammen einem auf dem PC selbst hergestellten Dekorbogen, der auf transparente A4-Klebefolie von Pearl gedruckt und danach mit Klarlack fixiert wurde.
Der Rumpf erhielt zusätzlich eine mit Parkettlack aufgebrachte Papierbespannung, die Unterseite wurde mit 25g Glasgewebe belegt.

Auf drei weitere Schichten Parkettlack folgte eine Grundierung und eine abschließende Lackierung in grau/weiß aus der Spraydose.

Die blauen und roten Dekorflächen wurden auch hier mit Orastick Klebefolie dargestellt.
Pelican II - Foto 14
Pelican II - Foto 15 Um keinen Hitzestau in den Motorgondeln zu bekommen erhielte diese auf der Unterseite "Kühl-Lamellen", die aus dünnem Alublech geschnitten und gebogen wurden.

Diese "Lüftungsgitter" sind nur gesteckt, also demontierbar und ermöglichen bei Bedarf einen unkomplizierten Motortausch.
Die große Ernüchterung beim ersten Auswiegen des mit Hilfe eines speziellen Programms berechneten Modellschwerpunkts fiel noch viel schlimmer als befürchtet aus: Trotz des bereits am vordersten Spant anstehenden 175g schweren 2200er 3S Lipo-Akkus fehlten rund 8 cm auf die korrekte Schwerpunktlage.

Erst die Zugabe von 210g (!) Ballast in Form von Trimmblei im Rumpfbug brachte den Schwerpunkt an die gewünschte Stelle.
Pelican II - Foto 16
Pelican II - Foto 17 Da ich zu den Leuten gehöre, die in ihren Elektromodellen "Trimmgewichte" ausschließlich in Form von Energiequellen mitführen, mußte hier nach einer besseren Lösung gesucht werden.

Diese war auch rasch gefunden, und zwar in der Verwendung von zwei 2200er Akupacks - schließlich müssen ja auch zwei Antriebsstränge versorgt werden!

Als weitere Maßnahme verfrachtete ich die beiden Drehzahlsteller und den Empfänger so weit nach vorne, wie es ohne Verlängerung der bestehenden Kabelstränge möglich war.
Das aufgerüstete und flugfertige Modell.

Der für den 18. Mai 2014 geplante Erstflug auf dem Ratzersdorfer See mußte leider wegen Schlechtwetter verschoben werden.

Damit durfte der "Pelican II" auch nicht mit auf die Liste der auserwählten Modelle für das Grundlsee-Treffen 2014.
Pelican II - Foto 18
Pelican II - Foto 19 Am frühen Morgen des 08. Juni 2014 erfolgte schließlich der mit Spanung erwartete Erstflug.

Ich war an diesem Tag als Erster am See und wollte eigentlich nur kurz - bis zum Eintreffen der Kollegen - die Wasserlage und Manövrierbarkeit des Canard-Flugbootes überprüfen. Als ich merkte mit welcher Leichtigkeit das Modell schon auf Stufe gehen wollte, schob ich kurz entschlossen den Gasknüpel beherzt nach vor.

Der "Pelican II" wasserte daraufhin bilderbuchmäßig ab und stieg mit ca 45 Grad in den blauen Himmel - wow, ich war begeistert!
Zum Austrimmen waren lediglich einige Klicks Tiefe nötig. Nach ein paar "Eingewöhnungsrunden" war ich trotz des sehr ungewöhnlichen Flugbilds mit der "Ente" schon total vertraut, auch die Ruderwirksamkeit ließ keine Wünsche offen.

In meiner Euphorie nahm ich dann wahrscheinlich den Landeanflug "zu locker", setzte mit sehr wenig Fahrt und in leichter Schräglage auf, was auch sofort mit Eintauchen und Abknicken des Höhenleitwerks bestraft wurde.

Spätestens jetzt war mir klar, warum der Konstrukteur des Freiflugmodells das Höhenleitwerk auf einen Pylon hoch über die Rumpfspitze gesetzt hatte.
Pelican II - Foto 20
Pelican II - Foto 21 Da ich ja ohnehin reichlich "Ballast" in der Rumpfspitze benötigen würde, beschloss ich einen kompletten Neubau des Höhenleitwerks - wesentlich stabiler und damit auch ein wenig schwerer als das vorherige.

Ein Höhersetzen des gesamten Höhenleitwerks würde die von mir mühsam erarbeitete "schnittige Optik" empfindlich stören - käme also nur als allerletzte Notlösung in Frage!

Meine Idee war deshalb, das Modell im Landeanflug durch einen zuschaltbaren Kreisel am Querruder um die Längsachse zu stabilisieren.
Der nächste Flug fand am frühen Morgen des 19. Juni 2014 bei ca 10 km/h Wind statt. Von diesem Tag stammen auch alle Flugaufnahmen.

Das Abwassern und Fliegen klappte wieder völlig problemlos und die anwesenden Kollegen waren vom exotischen Flugbild ziemlich beeindruckt.

Diesmal wußte ich ja schon, worauf bei der Landung besonders zu achten ist und ich konnte den "Pelican II" schön in idealer waagrechter Lage aufs Wasser setzen.
Pelican II - Foto 22
Pelican II - Foto 23 Während dem Flug aktivierte ich auch versuchsweise den Kreisel, worauf das Modell nach meinem Empfinden spürbar stabiler um die Längsachse in der Luft lag.

Hinsichtlich endgültige Einstellrate der Kreisel-Intensität möchte ich aber noch bei verschiedenen Windstärken ein wenig experimentieren.

Abschließend betrachtet hat sich dieses - für mich doch recht zeitaufwendige - Winterprojekt 2013/2014 zu 100 Prozent gelohnt und meine "Flotte" um ein sehr extravagantes Modell bereichert, das man noch nirgends kaufen kann.

Dieser Baubericht ist auch in Englisch verfügbar!
Technische Daten:
Spannweite: 1444 mm
Länge: 930 mm
Startgewicht: 1750 g
Motor: 2 X BL Joker 2826-15 (1200 KV)
Steller: 2 X Dual Sky 45 A BEC
Empfänger: Orange RX FASST 8K 2,4 GHZ
Prop: 9 X 6 APC Zweiblatt
Antriebsakku: 2 X Lipo 3S 2200
RC: Quer, Höhe, Seite, Motor,
Sonderfunktionen: Landescheinwerfer, Positionslampen, zuschaltbarer Kreisel
Differenzierte Motordrehzahlsteuerung
Pelican II - Foto 24

 

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